Der Shitstorm im Wasserglas

Lassen Sie mich durch! Ich bin Social-Media-Berater!

Lassen Sie mich durch! Ich bin Social-Media-Berater!

Noch ehe unser lieber Herr Bundeskanzler am 26. Oktober 2011, dem österreichischen Nationalfeiertag, seine funkelnagelneue Facebook-Seite launchte, hagelte es Kritik von allen Seiten. Berechtigt? Nicht wirklich. Aber der Reihe nach …

Natürlich gibt es auch angebrachte Kritik. Der Auftritt wirkt, anders als funktionierende, respektive vom gemeinen Volk akzeptierte wie jener des Barack Obama, eher wie der eines Monarchen: Der Kanzler präsentiert sich als unfehlbarer Souverän, der das Volk durch schwere Zeiten geleitet. Darüber kann man diskutieren, doch darum geht´s mir in diesem Beitrag nicht. Auch nicht um jene etwas weniger angebrachten Kritiken, in denen Faymann mangels universitärem Abschlusses Kompetenz in der Welt der sozialen und sonstigen Medien abgesprochen wird und durch welche alle Nichtakademiker herablassend ins Deppeneck gestellt werden.

Mit unberechtigter Kritik meine ich die zahlreichen Kommentare über die kolportierten 180.000 Euro, welche der Social-Media-Auftritt des Kanzlers gekostet haben soll. Wo doch jeder Social-Media-Berater, -Bastler und -Experte „um´s Eck“ (und diese Dreifaltigkeit der sozialen Medien kann in der freien Wildbahn durchaus in Personalunion auftreten) weiß, dass „so a Facebook-Pätsch“ doch nicht mehr als ein paar Tausender kosten kann. Und die Kritik am 7-köpfigen Medien-Team, dass wohl zur Ersinnung von ein paar Facebook-Postings die Woche dem nicht-social-media-beratungs-realitätskundigen etwas überdimensioniert scheint.

Obgleich die Leiterin des Teams, Angelika Feigl, bereits im Vorfeld per Interview mit dem Standard folgendes kundtat: Die sieben „haben alle, außer einem, dort auch andere Tätigkeiten und machen das jetzt zusätzlich“. Des weiteren entnimmt der aufmerksame Leser dem Interview, dass zwei Agenturen (Skill3D und Dimoco) beteiligt sind und die Aktivitäten neben Facebook auch eine Webseite, Twitter, Youtube sowie Applikationen auf der Webseite beinhalten. Die App beispielsweise kann lt. Aussage von Fr. Feigl folgendes:

Auf der App gibt es die aktuellen Videos und Interviews, einen 3D-Rundgang durchs Bundeskanzleramt, eine „Kanzler International“-Fotogalerie mit Google Maps. Außerdem gibt es ein Österreich-Quiz, bei dem man ein iPad2 gewinnen kann und einen help.gv.at-Behördenfinder und man kann direkt über die App Anfragen an das Bürgerinnen- und Bürgerservice richten, oder sich für Hausführungen anmelden.
Quelle: derStandard.at, Interview mit Angelika Feigl, 25.10.2011

Wen die 180.000 Euro noch immer als unglaublich hohe Kosten für eine Facebook-Page schrecken, hat sich wohl noch nicht allzu ernsthaft mit Konzepten dieser Größenordnung auseinandergesetzt.

Offen aber bleibt die Frage:
Warum investiert das „Team Bundeskanzler“ derart viel Energie in einen konzeptionell runden, aber kostenintensiven social-tauglichen Auftritt und macht damit sich und das Amt angreifbar?

Schauplatzwechsel: Deutschland, Drogeriekette Schlecker
Schenkt man social-medialen Berichten Glauben, so gehen die Wutbürger unseres Nachbarlandes Deutschland auf die Barrikaden. Schuld hat diesmal kein baummordendes Bahnhofsprojekt und auch keine Occupy-Dieses-Und-Jenes-Bewegung, sondern ausgerechnet jener Drogeriemarkt, der Unterschichtlern wie mir oder der Familie des Bundeskanzlers Werner Faymann Toilette-Artikeln zu erschwinglichen Preisen feilbot und uns damit den Zugang zu ehrwürdigen Ämtern und Berufen ermöglichte, in denen unangenehmer Körpergeruch nicht gerade der Karriere zuträglich ist.

Stein des Anstoßes ist ein Brief, mit dem Florian Baum, seines Zeichens Leiter der Unternehmenskommunikation bei Schlecker, einem besorgten und aufrechten Spracherhalter auf dessen Beschwerde zum neuen und das Abendland wie wir es kennen mit Sicherheit ins wanken bringende, weil in konspirativem Denglisch gehaltenen Slogans „For You. Vor Ort.“ mit einer etwas unglücklichen, allerdings ehrlichen und im (möglicherweise ebenso konspirativen) Marketingdeutsch üblichen Formulierung antwortete:

Schlecker hat nach einem neuen Unternehmensmotto gesucht. Dieses Motto sollte die durchschnittlichen Schlecker-Kunden, die niederen bis mittleren Bildungsniveaus zuzuordnen sind, ansprechen.
Quelle: Der Fall Schlecker – Vor Ort und hoch zu Ross, von Fuellhaas.com

Vielerorts ist nun von einem gewaltigem Shitstorm zu lesen, der auf das Unternehmen herniedergeht und noch herniedergehen könnte, nachdem der Verein „Deutsche Sprachwelt“ den Antwortbrief auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat und die Causa von einigen Bloggern mit einem Klout-Score von mindestens „Bist-Du-Moped!“ aufgenommen wurde. Der deutsche Gottseibeiuns des Social Media, Sascha Lobo, rät gar zu einem devoten Antwortschreiben zur Abwendung der Misere.

Verständlich, dass eine derartige Situation für Unternehmen und betroffene Mitarbeiter ob des verstärkten Anfrageaufkommens unangenehm ist. Allerdings empören diese shitstorm-hervorrufenden Skandälchen in keinem mir bekannten Fall ernstzunehmend grössere Teile der Bevölkerung, die Themen dienen kurz der Belustigung von Online-Communities und werden von Social-Media-Beratern und Social-Media-PR-Profis am Leben gehalten.

So richtig bewusst wurde mir das bei der heurigen Summit 11 von Werbeplanung.at: Als Alina Lauchart in ihrem Vortrag sehr direkt und ohne Vorgeschichte in die Folgen des Shitstorm im Zuge der „feindlichen“ Übernahme einer privat betreuten Facebook-Page durch das Museumsquartier einstieg, machte sich vorerst merkbare Ratlosigkeit im Saal breit. Selbst bei diesem erlesenen Marketingpublikum hatte kaum jemand etwas von diesem Vorfall gehört bzw. in Erinnerung behalten, obwohl die Causa es gar in einige Zeitungen geschafft hatte. Ernsthafte Gefährdung der Reputation sieht anders aus.

Was hat das nun mit der Facebook-Page unseres lieben Herrn Bundeskanzlers zu tun?
Social-Media-Marketing-Projekte, die den Anschein von Seriosität erwecken sollen, müssen mittlerweile aufwendig und teuer sein. Schließlich will man sich nicht vorhalten lassen, alles Erdenkliche getan bzw. ausgegeben zu haben, um den von Social-Media-Beratern prophezeiten Shitstürmen präventiv zu entrinnen.

Und wenn die Entscheidungsträger nach Horrorgeschichten aus dem deutschsprachigen Raum wie den beiden oben beschriebenen immer noch nicht zum Unterschreiben fetter Schecks bereit sind, wird die Kit-Kat-Keule ausgepackt. Nestlé ist ja seither gleichsam von der Landkarte der bedeutenden Unternehmen getilgt. Oder die nordafrikanischen Revolutionen: Auch die sind bekanntlich nicht dem Volkszorn, sondern dem Facebook entsprungen …

Sie wissen´s halt nicht besser, die Entscheidungsträger. Bei soviel hochgespielter Relevanz von sozialen Medien sind ein paar hunderttausend Euronesen die sicherere Variante. Nicht dass dann vielleicht … wer weiß denn schon, was alles passieren könnt´!

Disclaimer:
Schlampig recherchiert wie immer & just my 2 Cents zu den „ach-so-weltbewegenden“ und „wirklich-wichtigen“ Ereignissen der letzten Tage ;)

, , , , , , , , , ,

  1. Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: