Sunzi. Oder warum ich 2.500 Jahre alte Schriften lese.

Man sagt, dass es im Grunde nur zwei wesentliche Werke über die Kriegsführung gibt: Carl von Clausewitz‘ „Vom Kriege“ und „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi. Letzterer, seines Zeichens General und Feldherr, lebte vor etwa 2.500 Jahren in China – so genau weiss man es nicht. Als überzeugter (und militanter) Pazifist hätte ich mich damit niemals beschäfigt, gäbe es in meinem beruflichen Umfeld nicht jemanden, der sich als Verehrer von Sunzis Schriften outete und gegen den ich des öfteren in Besprechungen bestehen muss.

Was mir von Sunzi im Gedächtnis blieb, noch ehe ich das Buch las, ist folgende blutig grausige Geschichte. Sie stammt aus einer Zeit, als das Buch bereits geschrieben war und Sunzi es in einem anschaulichen Beispiel vor einem König verteidigte:

Der König (ich vergass den Namen, Verzeihung …) wollte von Sunzi wissen, ob seine Theorien auf jede Art von Heer anwendbar wären und liess alle Damen des Hofes, einige hundert an der Zahl, aufstellen. Sunzi teilte die Menge in zwei „Kompanien“ und ernannte die beiden Lieblingskonkubinen zu Befehlshabern von je einer der Truppen. Die von Sunzi erteilten Befehle belustigten die Menge; er entgegnete wie folgt: „Wenn die Befehle nicht befolgt werden, so liegt dies nicht an den Soldaten, sondern an den Offizieren“ – und liess die beiden Damen enthaupten. Als die nächstgereihten Konkubinen vortreten mussten, wurden die Befehle zu Sunzis vollster Zufriedenheit ausgeführt. Der König war zufrieden, wenn auch etwas betrübt ob des Verlustes seiner liebsten Gespielinnen: Er ernannte Sunzi offiziell zum General, der fürderhin in seinen Diensten stand.

Wie soll ich sagen: Meine ungeteilte Sympathie konnte der chinesische Feldherr mit dieser Anekdote nicht gewinnen …

Doch will man in Verhandlung auch gegen praktizierende Sunzi-Jünger bestehen. Also lese ich das – ohnehin nicht besonders dicke – Buch; und habe bereits die ersten Kapitel hinter mir. Was mich überraschte: Der Stil des Werks ist sehr pragmatisch und nüchtern. Keine Spur von Blut-und-Ehre-Geschwafel, wie man es von säbelschwingenden Möchtegernsoldaten im Coleur des öfteren ertragen muss. Sunzi empfiehlt aus ökonomischen Gründen Plünderungen, rät zu List, respektive Hinterlist, statt törichtem Heldenmut und nennt auch sonst die Dinge beim Namen:

Menschlichkeit und Gerechtigkeit sind die Prinzipien, nach denen ein Staat geführt wird, doch nicht die Armee; Opportunismus und Flexibilität dagegen sind militärische, keine zivilen Tugenden.

Wie dem auch sei: Eine bedingungslose Anwendung der Theorien des chinesischen Feldherrn im harten Geschäft des 21. Jahrhunderts kann ich noch nicht empfehlen … zumindest nicht ohne den geänderten historischen Kontext zu beachten :-)

Aber möglicherweise ergeben sich in den nächsten Kapiteln, z. B. „Taktische Varianten“ noch geeignete Einsatzbereiche, die nich allzuviel mit Serienenthauptungen zu tun haben. Ich werde in diesem Blog davon berichten, gegebenenfalls einschliesslich des erfolgreichen Einsatzes der Taktiken. Wer sich selbst mit grosser chinesischer Kriegskunst wappnen möchte folge dem abschliessenden Link, der zu einer PDF-Vollversion des Werkes (inkl. eines Vorwortes von James Clavell sowie Anmerkungen und Fussnoten einer Übersetzung von Lionel Giles) führt:

Sunzi: Die Kunst des Krieges

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  1. The Lost Arts Of War

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