Mein Senf zu #unibrennt

Nein, ich wollte nichts zum aktuellen Thema Bildungsstreik und Studentenproteste schreiben, nicht ehe ich mich selbst vor ort von der Situation, z.B. im Audimax der Wiener Hauptuni, überzeugt habe. Meine Zeilen hier liest zwar kaum einer, aber dennoch ist es öffentlich. Erst war ich krank, dann zugedeckt mit Arbeit, einige private Termine kamen hinzu. Weiters dachte ich, dass mich #unibrennt nicht sonderlich berührt. Dass dem nicht so ist merkte ich zum einen an am letzten Wochenende geführten Diskussionen im Freundeskreis (grossteils mit Studenten, die sich alle für die Einführung von Studiengebühren aussprachen) und zum anderen an einem heute mittag ausgefochteten Wortduell mit meiner Kollegin S., bei dem ich erst am betretenen Schweigen der Mittagsrunde merkte, dass meine Reaktion etwas zu heftig ausgefallen war. Der Auslöser war ihre die Studentenproteste verteidigende Bemerkung: „Bildung muss für alle gratis sein“.

Zeit für Selbstreflexion. Was hat mich derart in Rage gebracht, mal abgesehen davon, dass ich von natur aus zu emotionalen und direkten Äußerungen neige?

Waren es die Eindrücke, die ich in den letzten Wochen von den Protesten via Livestream und Twitter sammeln konnte? Einiges belächelte ich, anderes ärgerte mich, manches fand ich gut.

So war etwa der erste von den Protesten stammende Livestream, den ich konsumierte, durchzogen mit inhaltsleeren, pseudosozialistischen Phrasen, die weder mit Bildung noch mit den akuten Universitätsproblemen zu tun hatten und genausogut am Ottakringer Kirtag ihre Wirkung beim bierlaunigen Publikum nicht verfehlt hätten. Mein zweiter mir in Erinnerung gebliebene Eindruck stammt von fotografierten Transparenten mit gegenderten Parolen. Abgesehen davon, dass sprachliche Verunstaltung meiner Meinung nach kaum Sexismus bekämpft (sondern – ohne dies belegen zu können oder wollen – in einigen Bevölkerungsgruppen vermutlich eher verstärkt), wirken die Botschaften dadurch einfach nicht mehr. Und die Forderungen: Sie waren bzw. sind überzogen und gehen grossteils an der Problematik vorbei. Rührend fand ich auch die Abstimmungen, was aber an mir liegen mag: Mein Vertrauen in basisdemokratische Entscheidungen habe ich kurz nach meinem kindlichen Gottesglauben verloren.

Oder waren es die Proteste per se? Wohl kaum, ich fand vieles gut daran. Die Unis pfeiffen aus allen Löchern und brauchen Geld. Viel Geld. Hahns Erfolge als Wissenschaftsminister können an dieser Stelle – mangels Kenntnis des Autors von solchen – nicht wiedergegeben werden. Und nicht zuletzt: Den klassischen Medien wurde aufgezeigt, dass eine breite Öffentlichkeit auch ohne ihr Zutun erreicht werden kann. Ihre panische Angst vor Online-Journalismus ist also durchaus berechtigt.

Es sind auch nicht die Numerus-Clausus-Flüchtlinge, die nach vollendeter Ausbildung wohl kaum zur österreichischen Wertschöpfungskette beitragen werden und grossteils nach Deutschland zurückkehren, wo sie beispielsweise die in Deutschland ausgebildeten und nach Schweden abgewanderten Ärzte ersetzen werden. Sie stören mich nicht – think global!

Was also löste meine Reaktion aus? Es war tatsächlich der Satz „Bildung muss für alle gratis sein“. Die Forderung der Audimax-Besetzer nach Abschaffung der Studiengebühren, und zwar für alle. Sowie einer daraus abgeleiteten Schlussfolgerung: „Aufhebung des sozialen Ungleichgewichts“.

Diese Forderung mag für den akademisch gebildeten Bürger durchaus stimmig sein, folgt man der biedermeierschen Logik, dass Gleichheit der Menschen vor allem die höheren Stände beträfe. Aber für aus Arbeiterfamilien oder kleinbäurlichen Verhältnissen stammende Mitglieder der Gesellschaft, zu denen ich mich zähle, ist es ein Faustschlag ins Gesicht. Gratisbildung für jene, die es sich nicht leisten können, muss sein. Aber weshalb treiben wir die soziale Schere weiter auseinander und fordern (ungeachtet, ob die Nutzniesser aus gutbürgerlichem Hause dafür geeignet sind) kostenfreie Bildung … für alle? Studenten, deren Eltern sich einen Beitrag leisten können, müssen ihren Verpflichtungen, je nach finanziellen Möglichkeiten, nachkommen. Dass Eltern sich gegen die Bezahlung verwehren und damit die akademische Karriere ihres Sprösslings gefährden, gilt nicht als Gegenargument: In Österreich ist die elterliche Förderung eines Studiums einklagbar, wie ich von einem Fall im erweiterten Bekanntenkreis weiss.

Das bildungspolitisch verursachte soziale Auseinanderdriften entsteht ausserdem früher: Durch Privatkindergärten, Privatschulen, Waldorfschulen, montesorische Bildungskonzepte. Finanzielle Hürden zu diesen Institutionen versperren manchem talentierten Kind Möglichkeiten fürs spätere Leben. Gezielte Förderung individueller Fähigkeiten, die Kindern aller Schichten zu gute kommt, kann nur in Gesamtschulen funktionieren. Eher noch, als dem Ruf nach kostenloser Bildung für alle, gewinne ich der Bildungspolitik der DDR positive Seiten ab: Bevorzugt wurden Studienplätze an Arbeiter- und Bauernkinder vergeben, das Studium von Akademikerkindern war meines Wissens eine zeitlang gänzlich verboten, um soziale Gleichheit herzustellen. Okay, das System DDR hat nicht wirklich bzw. nicht wirklich lange funktioniert, aber der Ansatz bringt eher soziale Gerechtigkeit als die österreichische Giesskanne. Fakt ist, dass Kinder von Akademikern öfter studieren, als jene von Nichtakademikern. Vielleicht sind wir nur dümmer, vielleicht liegt es doch am System.

Ich selber quäle mich, mit einer 94er-Matrikelnummer und einem anstrengenden Job, bei dem ich schon mal 50 bis 60 Stunden die Woche im Einsatz bin, nebstbei mit meinem Studium ab; seit kurzem wieder mit verstärktem Engagement. Gerne wäre ich bereit, meinen Beitrag zu leisten, um dafür im Gegenzug verstärkt geblockte Wochenend-Lehrveranstaltungen oder Abendvorlesungen besuchen zu können; und sei es, dass nur jene zahlen, die diesen Service wollen, ja eigentlich brauchen, um jemals fertigstudieren zu können. Dass darf aber leider nicht sein, denn Bildung, und scheinbar vor allem universitäre Bildung, muss gratis sein. Denn auch die Angst vor Konkurrenz aus den unteren Schichten hat vielleicht ihre Berechtigung.

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